Die Europäische Union, mehrere Staatsbahnen und die Bahnindustrie arbeiten unter dem Titel «Europe’s Rail» gemeinsam an der Entwicklung des voll digitalisierten Güterzugs. Die beiden zentralen Elemente des Zugs sind die automatische Kupplung und der Datenaustausch zwischen Wagen und Lokomotive. Damit sollen Kuppeln, Bremsprobe und Zuginformationen digital erfolgen statt mit Handarbeit. Das Projekt ist unter dem Kürzel DAK bekannt, was digitale, automatische Kupplung bedeutet. Die SBB arbeitet eigenständig ebenfalls am digitalisierten Güterzug; zwischen Stabio und Dietikon ist ein erster Zug unterwegs, bei dem Kuppeln und Bremsprobe digital erfolgen, aber die Wageninformationen noch klassisch zusammengeführt werden.
Während der Innotrans, der weltweit wichtigsten Messe für Verkehrstechnik in Berlin, präsentierte das europäische Konsortium auf dem Testgelände der Havelländischen Eisenbahn den Projektstand. Die technischen Probleme sind weitgehend gelöst: Man hat sich auf einen Kupplungstypen und auf Datensysteme geeinigt und diese inzwischen sowohl in Test-Lokomotiven als auch in Test-Güterwagen eingebaut. Bei der Präsentation funktionierten alle Elemente: Kuppeln und wieder trennen ebenso wie die Bremsprobe als auch der Datentransfer von den Wagen zur Lokomotive, auf deren Display Nummern, Gewicht und Länge sowie die korrekte Position der Wagen im Zug angezeigt wurden.
600'000 Wagen umbauen?
So weit, so gut. Alle weiteren Fragen blieben unbeantwortet. Schon auf die Frage nach den voraussichtlichen Kosten pro Güterwagen kam die doch recht forsche Antwort: «Das ist zurzeit bedeutungslos.» Allerdings handelt es sich dabei wohl um die entscheidende Grösse angesichts der rund 600'000 Güterwagen, die zurzeit in Europa unterwegs sind. Für die Bahnen steht der Gewinn an Effizienz im Vordergrund, da Kuppeln und Bremsprobe viel Zeit beanspruchen. Ob dies für die verladende Industrie ebenfalls gilt, ist unklar. Schnelleren und zuverlässigeren Abläufen stehen höhere Kosten für die Anschaffung oder Miete der Wagen gegenüber.
Wagen in zwei Schritten umbauen
Während bei den Lokomotiven eine technische Lösung zur Verfügung steht, um sowohl die bisherige Schraubkupplung als auch die digitale Kupplung so übereinander anzubringen, dass zwischen analogen und digitalen Zügen gewechselt werden kann, ist dies bei den Wagen unrealistisch.
Geplant ist nun ein zweistufiger Umbau: In einem ersten Schritt sollen bei den Wagen die digitalen Kupplungen hinter der bestehenden Kupplung montiert und Kabel für die Daten eingebaut werden. Die Wagen bleiben damit für den klassischen Betrieb funktionstüchtig. In einem zweiten Schritt werden die Schraubkupplungen abgebaut und die Elektronik installiert. So kann die Umbauphase früher gestartet und über einen längeren Zeitraum verteilt werden.
«Zu langsam, zu teuer»
Dennoch lässt sich überhaupt nicht abschätzen, wann die Umstellung erfolgen wird. Die Schweiz ist an dem Projekt nicht direkt beteiligt, da nicht EU-Mitglied, aber SBB Cargo ist im ständigen Austausch mit den europäischen Partnern, zudem ist Stadler als Lokbauer Teil des Konsortiums. Entsprechend ist denn auch die neue SBB-Lok mit der Bezeichnung «DuFour», die Stadler an der Innotrans erstmals präsentierte, schon vollständig DAK-tauglich. Am Rand der Präsentation hielt Cargo-Chef Alexander Muhm fest, dass für ihn an der Entwicklung der automatisierten, digitalen Güterzüge kein Weg vorbei führe. Das EU-Projekt kritisierte er allerdings deutlich: «Zu langsam, zu teuer!» SBB Cargo sei jedoch darauf angewiesen, dass die Umstellung gesamteuropäisch erfolge, denn zwei Drittel der Wagen im Einzelwagenverkehr verkehren international.
Peter Moor