Letztlich war an der FHG- Delegiertenversammlung (die personell mit dem Vorstand SEV identisch ist) der Verkauf des Hotels Brenscino an die Reka eine klare Sache: Die grosse Mehrheit der 38 Delegierten stimmte in ruhigem Klima zu. Keine Überraschung war die Skepsis des PV, dessen Basis mehrfach die Beibehaltung des Brenscino gewünscht hatte. Gemäss PV hätte die finanzielle Sanierung früher erfolgen sollen, und das Hotel hätte dank der neuen Gotthard-Basislinie wieder konkurrenzfähig werden können. Ja, die Sanierung sei zu spät erfolgt, sagte Aroldo Cambi, FHG- Verwalter und SEV-Finanzchef, doch hätte Sanieren allein nicht genügt: «Wir hätten Millionen in Infrastruktur und Marketing investieren müssen – Geld, das weder der FHG noch dem SEV zur Verfügung steht.»
Giorgio Tuti: «Ein besserer Käufer als Reka ist kaum möglich»

kontakt.sev: Giorgio Tuti, bist du erleichtert, dass der Verkauf des Hotels Brenscino nun besiegelt ist?
Giorgio Tuti: Erleichtert würde ich nicht sagen, denn letztlich hatten wir die Pflicht und Verantwortung, einen Entscheid zu fällen, der aus drei Gründen eine gute Lösung darstellt. Erstens ist die touristische Zukunft des Brenscino langfristig gesichert, denn das Hotel wird nach dem Inkrafttreten des Verkaufsvertrags per 1.Januar 2017 während zwei weiteren Saisons als Hotel weiterbetrieben und danach in ein Feriendorf umgewandelt. Zweitens erhalten unsere Mitglieder während diesen drei Jahren weiterhin 20% Rabatt. Drittens sind für die Mitarbeitenden die Stellen und die heutigen Anstellungsbedingungen mindestens bis Ende 2018 garantiert. Jede und jeder Angestellte kann die Stelle behalten. Dieser soziale Aspekt ist natürlich für eine Gewerkschaft wie die unsere sehr wichtig.
Aroldo Cambi, dieser Verkauf scheint die beste Lösung zu sein. Aber war es die einzig mögliche? Konnte der SEV das Hotel nicht weiterbetreiben?
Aroldo Cambi: Die von uns gemachten Analysen haben gezeigt, dass wir enorme finanzielle Mittel in Infrastruktur und Marketing hätten investieren müssen, um das Hotel konkurrenzfähig zu machen, denn die Tourismusbranche befindet sich in einem Strukturwandel und steht folglich stark unter Druck. Wir haben im 2015 im Bereich Kostenmanagement tiefgründig interveniert, das alleine hätte jedoch mittel- bis langfristig nicht gereicht. Die Aufhebung des Franken-Euro-Mindestkurses durch die SNB hat die Situation noch verschlimmert. Das Brenscino spürt auch die Konkurrenz der Hotels jenseits der Landesgrenze.
G.T.: Und das Geld wäre aus der Tasche des SEV, also seiner Mitglieder, geflossen. Zu einem Zeitpunkt, wo wir bemüht sind, die Kosten möglichst im Griff zu halten, hätte dies unsere Basis kaum verstanden, zumal sich die Reisegewohnheiten unserer Mitglieder in den letzten Jahren stark verändert haben.
Es stellte sich also für den SEV wie für andere Gewerkschaften grundsätzlich die Frage, ob er seinen Mitgliedern weiterhin ein Hotel anbieten will?
G.T.: Alle Gewerkschaften mussten oder müssen sich fragen, ob ein Hotelangebot noch Sinn macht. Der SEV hat festgestellt, dass der Anteil der Übernachtungen von Mitgliedern im Brenscino in den letzten Jahren ständig gesunken ist. Ursprünglich hatten die Gewerkschaften diese Angebote entwickelt, um ihren Mitgliedern Ferien zu einem erschwinglichen Preis zu ermöglichen. Bis heute hat sich der Tourismus enorm weiterentwickelt und wir haben festgestellt, dass unsere Mitglieder ihre Reisegewohnheiten geändert haben und dass sich viele wegen der hohen Betriebskosten des Brenscino einen Aufenthalt dort kaum mehr leisten konnten.
Es gibt aber viele Stammgäste, für die das Brenscino viel bedeutet. Für sie ist der Verkauf ein grosser Verlust, vor allem emotional…
G.T.: Auf jeden Fall, und ich verstehe sie! Es gibt Mitglieder, die als Kinder ins Brenscino kamen und dann als Eltern! Daher haben wir uns für den Verkauf Zeit genommen. Es galt viele Elemente zu berücksichtigen, vor allem auch die emotionale Seite. Ich denke, die gefundene Lösung können auch jene Mitglieder akzeptieren, die am Brenscino am meisten hängen. Ich wiederhole: Das Hotel wird dieses Jahr und mindestens zwei weitere Jahre weiterbetrieben, mit dem gleichen Personal und dem gleichen Konzept. Danach wird es in ein Feriendorf umgewandelt, das nicht irgendwer betreibt, sondern die Reka. Diese hat der SEV mitgegründet, er arbeitet seit Jahren mit ihr zusammen und teilt ihre Werte. Eine bessere Lösung ist kaum möglich.
Vivian Bologna/Fi
