Die SNCF erhielt das Monopol für den Fernverkehr in Frankreich durch eine Verordnung im Jahr 1945. Deshalb gab es bis vor Kurzem kaum inländische Fernbusverbindungen, doch der Rahmen wurde in den letzten Jahren stark aufgeweicht. In einem ersten Schritt wurden Linien zwischen französischen und europäischen Städten eröffnet und 2009 wurde die Kabotage legalisiert. Seither können die Passagiere mit dem Bus zwischen zwei französischen Städten reisen, wobei dies zunächst nur erlaubt war, wenn die Verbindung international war, zum Beispiel auf den Linien Paris–Turin via Lyon oder Paris–Barcelona via Perpignan. Damit war die erste Hürde genommen.
Liberalisierung fast komplett
Als Nächstes wurde es erlaubt, Linien für reine Inlandfahrten zu betreiben, sofern die Haltestellen mindestens 100 Kilometer auseinanderlagen. Im August 2015 machte ein Gesetz des damaligen Wirtschaftsministers Emmanuel Macron («loi Macron») die Liberalisierung des Fernverkehrs praktisch komplett. Zwar müssen Busunternehmen für Distanzen unter 100km eine Bewilligung beantragen, doch können sich die Regionen dagegen nur wehren, indem sie in kurzer Zeit selbst beweisen, dass der Fernbus die Regionalzüge und damit den bestehenden Service public gefährdet.
Attraktive Preise – aber wer zahlt?
Die Folge war, dass zahlreiche Buslinien innerhalb von Frankreich zu sehr tiefen Preisen eröffnet wurden. Mehrere grosse Unternehmen haben in den französischen Markt investiert. Zwar ist der Anteil an Reisenden, die lange Strecken mit dem Bus zurücklegen, im Vergleich zu den Bahnreisenden noch immer sehr gering. «Doch das Wachstum ist enorm», sagt Fabian Tosolini, stellvertretender Generalsekretär der französischen Gewerkschaft CFDT Transports et Environnement, «auch wenn die Firma Megabus bereits wieder von der Bildfläche verschwunden ist, weil ihr Geschäftsmodell langfristig nicht existenzsichernd war. Schnäppchenpreise von einem Euro für die Strecke Paris–Brüssel sind bereits wieder Geschichte.»

Aus Sicht der Behörden hätte die Liberalisierung zahlreiche Arbeitsplätze schaffen sollen. Doch bis Oktober 2016 sind nur 1430 neue Stellen entstanden statt 22000, wie erhofft. Fabian Tosolini erklärt dazu: «Ja, es sind Arbeitsplätze geschaffen worden, aber weniger als vorgesehen. Viele davon waren bestehende Teilzeitstellen, die zu Vollzeitstellen wurden.»
Die SNCF hat mit Ouibus ihr eigenes Busunternehmen gegründet und ist damit Branchenführerin. Die Kund/innen schätzen die tiefen Preise, vor allem Junge und Senior/innen, denen die Reisezeit weniger wichtig ist. Dies ist die gute Seite der Low-cost-Busse: Sie machen es auch weniger Bemittelten möglich, zu reisen.
Unlauterer Wettbewerb
Doch dies ist den Busunternehmen nur möglich, weil sie dreimal geringere Auslagen haben als die SNCF, was den Wettbewerb verzerrt. Die Bahnunternehmen müssen für die Nutzung und den Unterhalt der Infrastruktur bezahlen, wie auch für die Energie. Die Verantwortlichen der Busunternehmen hingegen propagieren Schnäppchenpreise, um das Reisen per Bus in Frankreich zu etablieren, obwohl die tiefen Tarife langfristig nicht tragbar sind. Fabian Tosolini erklärt: «Die kleinen französischen Firmen arbeiten als Auftragnehmer mit grossen Unternehmen zusammen, weil sie einen Fuss in der Tür haben wollen. Doch momentan schreiben sie Verluste, da die Billettpreise die Treibstoffkosten, Löhne, Autobahngebühren und weiteren Kosten nicht decken.»
Was das Personal betrifft, scheinen 98 Prozent der Personen, die auf den französischen Fernbuslinien arbeiten, auch in Frankreich zu wohnen. Das Problem, dass ausländische Busfahrer/innen zu tieferen Löhnen als den landesüblichen zum Einsatz kommen, wie es auf den grenzüberschreitenden Linien in der Schweiz der Fall ist, besteht in Frankreich nicht. Aber die Löhne in der Busbranche sinken auch in Frankreich. «Der Monatslohn ist von durchschnittlich 2000 Euro auf 1500 Euro gesunken. Als Gewerkschaft ist es unsere Aufgabe, diesen Fahrer/innen, die ungerechte Löhne erhalten, zu helfen. Ausserdem werden die Chauffeure von den Passagieren über Smartphone-Apps bewertet. Ihr Lohn ist also auch von der Laune der Reisenden abhängig… Wenn ein Passagier mit seiner Fahrt unzufrieden ist, kann er den Chauffeur dafür bestrafen. Das ist untragbar», sagt Fabian Tosolini. Die wichtigsten Forderungen der französischen Gewerkschaften sind deshalb faire Löhne und eine Begrenzung des Wettbewerbs zwischen Strasse und Schiene. Dort, wo es für alle genug Kundschaft gibt, wie zum Beispiel auf der Linie Paris–Lyon, ist das weniger ein Problem. Aber auf weniger stark frequentierten Strecken, wo die Bahn- linien letztlich verschwinden könnten, muss man sich wirklich Sorgen machen. Was werden die Einwohner/innen tun, wenn der Tag kommt, an dem die Bahnlinie stillgelegt wird und die Busunternehmen die Linie nicht weiterbetreiben wollen, weil sie zu wenig rentabel ist? Bisher ist, soviel Tosolini weiss, noch keine Bahnlinie stillgelegt worden, aber die Nachtzüge schweben bereits in Gefahr.
Henriette Schaffter/kt
