«Nähe und Distanz im Arbeitsalltag – ein Balanceakt» heisst das Motto des Diversitätstags. Rund 50 Mitglieder der SEV-Kommissionen und Gäste treffen sich in der Schützi in Olten. Organisiert wurde der Tag von Stefanie Fürst (Gewerkschaftssekretärin Jugend), Besa Mahmuti (Migration) und Sibylle Lustenberger (Gleichstellung und Frauen) sowie zahlreichen Helfer:innen aus dem Zentralsekretariat und der Miliz. Besa Mahmuti eröffnet den Tag: «Heute sprechen wir über etwas, was uns alle betrifft, egal ob im Zug, im Büro, in der Familie oder im Alltag. Wir sprechen darüber, wie wir zusammenleben, obwohl wir so unterschiedlich sind. Die Frage ist: Sind wir wirklich so unterschiedlich? Gibt es Gemeinsamkeiten?»
Ein alltäglicher Balanceakt
Hanny Weissmüller, Vizepräsidentin des SEV-Vorstands, hält das erste Grusswort: «Nähe stärkt uns. Sie schafft Solidarität, Vertrauen und gibt Halt in schwierigen Momenten. Gleichzeitig aber kann sie auch kippen – insbesondere für Migrant:innen, Frauen und junge Arbeitnehmer:innen, die häufiger als Andere Grenzüberschreitungen erleben. Für den SEV ist klar: Wir müssen Diskriminierung klar benennen, Betroffene ernst nehmen und Strukturen wo nötig verändern.»

SEV-Präsident Matthias Hartwich ruft in seinem Grusswort auf: «Lasst uns Solidarität der Barbarei entgegensetzen.» Damit kritisiert er die Tendenz gewisser politischer Parteien und Bewegungen, Menschen auszugrenzen. «Wir müssen uns daran erinnern, dass Gewerkschaften immer für Gleichwertigkeit aller Arbeitnehmer:innen eingestanden sind – unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder sexueller Orientierung.»
Diskriminierung sichtbar machen
Die Podiumsdiskussion schliesst nahtlos an die Reden an. Sibylle Lustenberger moderiert ein Gespräch mit verschiedenen Expert:innen zu Diskriminierungsfragen: «Das Thema geht uns alle an», sagt sie. Die Gäste beleuchten verschiedene Aspekte, persönliche Erlebnisse und Überlegungen, wie man gegen Diskriminierung vorgehen kann.

Besonders beeindruckend sind die Erfahrungsberichte von Lilian Senn und Lucy Oyubo Osterwalder vom Verein Surprise. Beide haben Erfahrungen am Rand der Gesellschaft gesammelt, die sie mit den Anwesenden teilen. Rassistische Diskriminierung erlebt die gebürtige Kenianerin und Stadtführerin Lucy Oyubo Osterwalder wegen ihrer Hautfarbe fast täglich: «Wenn ich zum Beispiel jemanden auf der Strasse nach dem Weg frage, laufen viele einfach weg.» Auch auf dem Arbeitsmarkt spürt die langjährige Lehrerin und Dolmetscherin verschiedene Formen der Ausgrenzung. Lilian Senn, ehemalige Busfahrerin und heute ebenfalls Surprise-Stadtführerin, war lange obdachlos. Als Obdachlose war sie sehr verletzlich und focht tagtäglich einen Kampf ums Überleben, selbst in der vermeintlich reichen Schweiz: «Wenn du nichts mehr hast, hast du auch keine Stimme mehr.»

«Diskriminierung und Privilegien sind zwei Seiten derselben Realität», sagt Idil Abdulle von der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus. «Man hat keine Wahl, in welchem Umfeld man geboren wird. Lebt man als Kind im Krieg oder im Wohlstand. Man wählt das nicht aus. Wer privilegiert ist, bemerkt oft nicht, wie andere systematische benachteiligt werden.» Tarek Naguib von der Fachstelle Migration isa stellt fest, Diskriminierung ist kein individuelles Problem, sondern ein gesellschaftliches: «Es braucht klare Strukturen, die Betroffene schützen – und Institutionen, die Verantwortung übernehmen.» Für die Gewerkschafterin Lirija Sejdi liegt es auch an den Gewerkschaften, den Kampf gegen Diskriminierung voranzutreiben. «Es ist eine Baustelle, bei der noch viel Arbeit getan werden muss.»
Workshops zu Nähe und Distanz
Im zweiten Teil des Diversitätstag, am Nachmittag, teilen sich die Teilnehmer:innen auf vier Gruppen auf. Sie besuchen abwechselnd vier Workshops, sogenannte World Cafés zu den Themen Rassismus, Grenzüberschreitungen, Generationendialog und Berührungsängste. Der letzte Workshop wird von SEV-Vizepräsidentin Barbara Keller geleitet und sie ist begeistert von den Teilnehmer:innen: «Mich hat besonders beeindruckt, wie offen über Distanz, Unsicherheiten und Berührungsängste gesprochen wurde. Der Austausch zeigte, dass Nähe und Vertrauen aktiv geschaffen werden müssen und dass persönliche Gespräche dabei eine zentrale Rolle spielen.»

Persönliche Gespräche, Zuhören und Nachdenken über die eigene Rolle und Position in einer vielfältigen Gesellschaft haben den Diversitätstag geprägt. «Der Diversitätstag war ein Erfolg», sagt Mitorganisatorin Stefanie Fürst. Für sie und ihre Kolleginnen ist klar, es geht weiter. Voraussichtlich 2028 wollen sie wieder einen gemeinsamen Tag organisieren, an dem der SEV kritisch seine Vielfalt unter die Lupe nimmt – eine Vielfalt, die am Schluss trotz Unterschieden die Gewerkschaft stärkt. Gestärkt werden die Teilnehmer:innen des Diversitätstags in Olten am Ende des Tages mit einem Apéro, Musik und Tanz. Gelebte Vielfalt in der Gewerkschaft bedeutet auch Freundschaft und Spass.
Michael Spahr
